Digitalisierung und fachliche Erschließung der Graphischen Einzelblätter der Sammlung des Architekten Albrecht Haupt (GESAH)

Technische Informationsbibliothek – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek Hannover (TIB)
Bau- und Stadtbaugeschichte, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, Leibniz Universität Hannover (LUH)

Die "Sammlung Albrecht Haupt" ist eine überregional und international bedeutsame Sondersammlung der TIB. Sie wurde von dem lange Jahre an der damaligen Technischen Hochschule Hannover lehrenden Architekten und Bauforscher Karl Albrecht Haupt (1852–1932) zusammengetragen, der sie noch zu Lebzeiten der Bibliothek der TH Hannover übergab.

Bereits 1941 bewertete die Architekturhistorikerin Lieselotte Vossnack die Sammlung als einen herausragenden Bestand, „[...] vergleichbar lediglich mit der aus öffentlichen Mitteln zustande gekommenen Sammlung der Staatlichen Kunstbibliothek zu Berlin” (heute Kunstbibliothek im Verbund der Staatlichen Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz). Haupt selbst äußerte 1923 den Wunsch „daß die Sammlung durch ein ausführliches, wissenschaftlichen Anforderungen entsprechendes Verzeichnis erschlossen wird und die Kenntnis von ihrem Vorhandensein in weitere Kreise in- und außerhalb Hannovers dringt.“
Dank der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kann diesem Wunsch nun entsprochen werden.

Objekt des Monats

August 2022

Francesco Piranesi (1758–1810), zugeschrieben

Landschaft mit antiken Monumenten („Tomba di Nerone“)

Federzeichnung, 2. Hälfte 18. Jh.

30,0 cm x 24,2 cm

TIB, Slg. A. Haupt, m I Z M 3

Giovanni Battista Piranesi, Grab des Nero, Blatt 3 der Serie „Grotteschi“ (1747/49) (Foto: © Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett, CC BY-NC-SA 4.0, "Grotteschi", ed. Paris um 1835, Tafel 3)

Die hochformatige Federzeichnung zeigt auf einer Anhöhe ein antikisierendes römisches Grabmonument mit auffälligem Reliefschmuck, das auf einem massiven Sockel thront. Sein ruinöser Zustand wird durch die wuchernde Vegetation, einen im Vordergrund umgestürzten Altar sowie ein bereits brüchiges Korbkapitell, aus dem der Akanthus sprießt, verstärkt. Eine knorrige Pinie ragt aus den steinernen Relikten empor, im Hintergrund rechts verblassen die Substruktionen einer monumentalen Anlage.

Das Blatt steht in engem Zusammenhang mit einer Radierung aus der vier Blätter umfassenden Folge der sog. „Grotteschi“, die Giovanni Battista Piranesi (1707 –1778) zwischen 1747 und 1749 schuf und publizierte. In der Radierung „Tomba di Nerone“ (Abb. 1) sind die gleichen Monumente zu erkennen. G. B. Piranesi kombiniert sie als Capriccio mit weiteren Antiken und fantastischen Elementen wie etwa einem Delfin, der über einer Mauer liegt, und zahlreichen sich windenden Schlangen, wodurch eine bedrohlich unheilvolle Stimmung hervorgerufen wird. Das Grabmal erinnert in seiner Form und Aufstellungssituation an das Grabmal des Publius Vibius Marianus in Rom, unterscheidet sich jedoch in den Details der markanten Reliefs. An der Via Cassia gelegen und zunächst als Grabmal des Nero (Tomba di Nerone) missinterpretiert, war und ist es bis heute unter diesem Namen bekannt – und zu finden. G. B. Piranesi übernimmt die hohen Eck-Akroterien des Monuments des P. Vibius Marianus, seine Relief-geschmückte Inschriftentafel und die Positionierung auf der Anhöhe, wählt für das Dekor seiner Darstellung jedoch Formen, wie etwa die Faszienbündel oder die verschränkten Hände mit Caduceus, die nicht am Original zu finden, aber durchaus von antiken Reliefs überliefert sind. Zudem weist seine Inschrift tatsächlich auf Nero hin. Für die „Groteske“ ersinnt Piranesi gewissermaßen ein fiktives Grabmonument des Nero aus antiken Versatzstücken und bedient sich der Assoziation und der geläufigen Gleichsetzung mit dem realen Grabmal des P. Vibius Marianus.

Die vorliegende Federzeichnung, die G. B. Piranesis Invention detailgetreu kopiert, erwarb Albrecht Haupt bei der Auktion der Handzeichnungssammlung Heinrich Lempertz‘ senior (J. M. Heberle, 17. Oktober 1905, Lot-Nr. 450). Das Blatt weist auf dem Verso die Sammlermarke H. Lempertz‘ auf (Lugt 1337). Haupt montierte, was er häufiger tat, zwei kleine Ausschnitte aus dem Auktionskatalog auf den unteren Rand der Trägerpappe: Sie enthalten die Künstlerangabe „Giamb. Piranesi (1707–1778)“ und die Beschreibung des Lots „‚Landschaft‘ mit Ruinen, verfallenen Monumenten etc. – H 340, Br 250 mm. Vollendete ausgeführte Federzeichnung“. Mit Bleistift nahm Haupt eine Zuschreibungsänderung vor und ersetzte „Giamb.“ durch „Francesco“. Mit der Zuschreibung an den Sohn Francesco Piranesi (1758–1810) war für Haupt klar, dass die Zeichnung nach der Radierung des Vaters entstanden sein muss. Indem der Zeichner auf die offensichtlich grotesken Bildelemente verzichtet, präsentiert er das Monument in der Art einer römischen Vedute: im Fokus allerdings ein fiktives Grabmal, das – anders als im dezidiert eklektischen Vorbild der „Grottesche“ – zum Kuriosum wird.

Birte Rubach