Digitalisierung und fachliche Erschließung der Graphischen Einzelblätter der Sammlung des Architekten Albrecht Haupt (GESAH)

Technische Informationsbibliothek – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek Hannover (TIB)
Bau- und Stadtbaugeschichte, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, Leibniz Universität Hannover (LUH)

Die "Sammlung Albrecht Haupt" ist eine überregional und international bedeutsame Sondersammlung der TIB. Sie wurde von dem lange Jahre an der damaligen Technischen Hochschule Hannover lehrenden Architekten und Bauforscher Karl Albrecht Haupt (1852–1932) zusammengetragen, der sie noch zu Lebzeiten der Bibliothek der TH Hannover übergab.

Bereits 1941 bewertete die Architekturhistorikerin Lieselotte Vossnack die Sammlung als einen herausragenden Bestand, „[...] vergleichbar lediglich mit der aus öffentlichen Mitteln zustande gekommenen Sammlung der Staatlichen Kunstbibliothek zu Berlin” (heute Kunstbibliothek im Verbund der Staatlichen Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz). Haupt selbst äußerte 1923 den Wunsch „daß die Sammlung durch ein ausführliches, wissenschaftlichen Anforderungen entsprechendes Verzeichnis erschlossen wird und die Kenntnis von ihrem Vorhandensein in weitere Kreise in- und außerhalb Hannovers dringt.“
Dank der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kann diesem Wunsch nun entsprochen werden.

Objekt des Monats

November 2020

Johann Wilhelm Baur, Merkurbrunnen in italienischer Villa,

Zeichnung, Feder, schwarze Tusche, laviert

TIB Slg. A. Haupt, kl D Z 62: 4

Albrecht Haupt verzeichnet in seinem handschriftlichen Katalog zur Sammlung unter dem Namen Wilhelm Baur drei Einträge, die sich auf vier Zeichnungen beziehen, darunter das hier vorgestellte Blatt „Fontäne mit Merkur“. Obwohl Lieselotte Vossnack die Zeichnung 1966 publizierte (Kat. Herrenhausen 1966 S. 60, Kat. III/13), blieb sie in der darauffolgenden Forschung zu Baur unberücksichtigt.

Mittig aufs Blatt gesetzt ist die Figur des geflügelten Götterboten Merkur zu sehen, der mit seiner ausschreitenden und emporstrebenden Haltung sofort die berühmte Skulptur Giambolognas evoziert. Der Brunnen, zu dem sie gehört, ist auf einem Podest platziert, das beidseitig über mehrere Stufen zu erreichen ist. Durch eine zierliche Balustrade blickt man auf das rege Treiben im Garten dahinter. Ein prächtiges, mit mehreren abgetreppten und zurückweichenden Anbauten versehenes Casino bildet den Abschluss der Szenerie.

Johann Wilhelm Baur (1607-1642), ein aus Straßburg stammender Maler und Radierer, schulte sich während seines mehrjährigen Italienaufenthalts ausgiebig an Werken und Manier der italienischen Künstlerkollegen. Seine Kenntnisse der italienischen Topographie und Kunst verarbeitete er unter anderem in – häufig idealen – Architektur- und Stadtveduten, die er zum einen erfolgreich in Miniaturmalerei ausführte, die aber auch in seinem graphischen Werk ihren Niederschlag fanden. Mit „Eine Fontana in dem Lustgarten des Card. de Medici“ betitelte der Kupferstecher und Verleger Melchior Küsel (1626–1683) die Radierung, die eine nahezu identische Komposition im Gegensinn zeigt, und die in seiner 1670 in Augsburg herausgegebenen „Joannis Guilielmi Baurn Iconographia ...“ in Bd. 4, Tafel 2 erschienen ist. Sowohl das Motiv als auch seine spätere Identifikation sind dem Erfinderreichtum ihres jeweiligen Schöpfers zuzuschreiben.

In zwei Klebebänden, die in den Fürstlichen Sammlungen Liechtenstein aufbewahrt werden, findet sich ein Großteil der Handzeichnung Baurs, die Küsel als Vorlage für seine Radierungen dienten. Auch eine Zeichnung des Merkurbrunnens ist dort erhalten und wird die Vorlage für Küsel gewesen sein. Wie die Hannoversche Zeichnung in den Werkprozess einzuordnen ist, bleibt zunächst unklar; eine Kopie nach der Radierung ist jedoch auszuschließen, da ihre Ausrichtung der Zeichnung in Vaduz entspricht und nicht der Radierung im Gegensinn.
 

br