Digitalisierung und fachliche Erschließung der Graphischen Einzelblätter der Sammlung des Architekten Albrecht Haupt (GESAH)

Technische Informationsbibliothek – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek Hannover (TIB)
Bau- und Stadtbaugeschichte, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, Leibniz Universität Hannover (LUH)

Die "Sammlung Albrecht Haupt" ist eine überregional und international bedeutsame Sondersammlung der TIB. Sie wurde von dem lange Jahre an der damaligen Technischen Hochschule Hannover lehrenden Architekten und Bauforscher Karl Albrecht Haupt (1852–1932) zusammengetragen, der sie noch zu Lebzeiten der Bibliothek der TH Hannover übergab.

Bereits 1941 bewertete die Architekturhistorikerin Lieselotte Vossnack die Sammlung als einen herausragenden Bestand, „[...] vergleichbar lediglich mit der aus öffentlichen Mitteln zustande gekommenen Sammlung der Staatlichen Kunstbibliothek zu Berlin” (heute Kunstbibliothek im Verbund der Staatlichen Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz). Haupt selbst äußerte 1923 den Wunsch „daß die Sammlung durch ein ausführliches, wissenschaftlichen Anforderungen entsprechendes Verzeichnis erschlossen wird und die Kenntnis von ihrem Vorhandensein in weitere Kreise in- und außerhalb Hannovers dringt.“
Dank der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kann diesem Wunsch nun entsprochen werden.

Objekt des Monats

Mai 2021

Urs Graf d. Ä. (Zugeschrieben), Entwurf für eine architekturillusionistische Fassadenmalerei, 1525

Federzeichnung, 22,7 cm x 34,3 cm

 

TIB Slg. A. Haupt, Kl. D. Z. 34:1

Bei dem auf den ersten Blick etwas verwirrend wirkenden Entwurf für eine Fassadenmalerei handelt es sich um eine der ältesten datierten Zeichnungen im Bestand. Der Zeichner des Blattes hat das Entstehungsjahr 1525 kaum erkennbar auf einer Tafel eingetragen, die die Figur im ersten Obergeschoss in der Mittelachse des rechten äußersten Fensters hoch hält. Obwohl das Blatt in der kunstgeschichtlichen Forschung durchaus bekannt war und zudem zu den ältesten erhaltenen Entwürfen für eine Fassadenmalerei nördlich der Alpen zählen kann, blieb die Bewertung des Blattes merkwürdig zurückhaltend. So ist auch aus den sammlungsgeschichtlichen Zusammenhang nicht mehr genau bestimmbar, von wem die Zuordnung zum Basler Künstler Urs Graf d. Ä. (um 1485-1528) stammt. Albrecht Haupt selbst stufte das Blatt als Werk eines unbekannten Basler Meisters in der „Art des Holbein“ ein und rechnete es zu den wertvollsten Blättern seiner Zeichnungssammlung.  

Die starke Räumlichkeit der illusionistischen Architekturmalerei und die Freude am vexierhaften Einsatz der Perspektive sind ohne das Vorbild der in den frühen 1520er Jahren entstandenen Entwürfe Hans Holbeins des Jüngeren für das „Haus zum Tanz“ in Basel nicht zu erklären. Es ist daher naheliegend, einen Künstler aus dem lokalen Umfeld Holbeins für den Entwurf anzunehmen. Hierbei deutet die Darstellungsweise der skizzierten Figuren auf Urs Graf den Älteren hin, der besonders durch seine derb-sinnlichen Szenerien bekannt wurde.

Eine genaue Zuordnung zu dem stattlichen dreigeschossigen Bürgerhaus, für das der Entwurf konkret gedacht war, ist bisher noch nicht erfolgt. Auffallend ist die Breite der Vorderfassade, die über zehn, wohl teils gemalte Fensterachsen verfügte. Klärung könnte die Entschlüsselung des Bildprogramms bringen, das in der oberen Reihe einige allegorische Figuren zeigt.

sp