Zum Projekt

Die Graphischen Einzelblätter der Sammlung Albrecht Haupt (GESAH) bilden nicht nur einen besonders kostbaren Bestand innerhalb der Sammlung; sie bieten aufgrund ihrer Singularität sowie des breiten inhaltlichen und technischen Spektrums für die internationale bau- und kunstwissenschaftliche Forschung auch die größten Potenziale. Dennoch ist dieser Bestand bislang nur einem sehr kleinen Kreis von Kennern bekannt, der zudem auch nur punktuell daran arbeiten konnte. Kernproblem sind die fehlende fachliche Erschließung und die schwierige Zugänglichkeit der Blätter. Dabei stellt die Heterogenität des Bestandes die zentrale Herausforderung dar.

Nachdem die Graphischen Einzelblätter in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach umgelagert und teilweise neu geordnet wurden, sind sie heute nur rudimentär nach formalen und geographischen Kriterien geordnet und über eine Handkartei erschlossen. Da weder ein systematischer inhaltlicher Zugriff noch eine gezielte sachliche Recherche möglich sind, ist ihre Nutzbarkeit stark eingeschränkt. Ziel des Projekts ist es, diesen bislang für die überregionale und internationale Forschung schwer zugänglichen Qualitätsbestand der Graphischen Einzelblätter der Sammlung vollständig zu digitalisieren, fachlich zu erschließen und künftig online frei zugänglich zu machen, um weitere Forschungsimpulse auszulösen.

Unzulänglich erschlossene Graphikbestände wie die Sammlung Albrecht Haupt sind prädestiniert für eine kollaborative Bearbeitung mithilfe digitaler und virtueller Methoden, weil sie unterschiedliche (Fach-)Communities ansprechen. Die Bearbeitung erfolgt daher in enger Kooperation der Projektpartner aus verschiedenen Fachdisziplinen, die in den Abteilungen der Technischen Informationsbibliothek und am Lehrstuhl für Bau- und Stadtbaugeschichte des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur an der Leibniz-Universität Hannover angesiedelt sind.

Das Projekt umfasst drei wesentliche Aufgabenfelder und Zielvorgaben:

1. Digitalisierung

Die noch nicht digitalisierten Objekte der Graphischen Einzelblätter der Sammlung Albrecht Haupt werden entsprechend der DFG-Praxisregeln digitalisiert und in das Rosetta-Langzeitarchiv aufgenommen.

2. Erschließung

a. Für alle Graphischen Einzelblätter erfolgt eine Basiserschließung auf Grundlage vorhandener Informationen und vorläufiger Zuschreibungen.
b. Die Teilmenge unikaler Architekturzeichnungen wird einer fachlichen Tiefenerschließung unterzogen. In diesem Zusammenhang werden zudem erstmalig die Provenienzgeschichte und Sammlungsgenese untersucht.

3. Erschließungsumgebung

Auf Basis der Software Vitro wird eine auf die fachspezifischen Anforderungen ausgerichtete Erschließungsumgebung (GESAH-Website mit Verlinkung über TIB-Portal) für eine räumlich und zeitlich entkoppelte Bearbeitung im Expertendialog aufgebaut. Diese soll die technischen Voraussetzungen und Erschließungsumgebung für die weitere Tiefenerschließung des gesamten GESAH-Bestandes für anschließende Projektvorhaben bilden. Daten, Datenmodell und Software sollen zudem als Open Source vergleichbaren Erschließungsvorhaben zur Verfügung gestellt werden.

Objekt des Monats

Januar 2021

Federico Zuccari(?), Tempelgang Mariens, 3. Viertel 16. Jh.,

Zeichnung, 37,8 x 19,8 cm, Feder, braun, Rötel, weiß gehöht, Blattgold, mit Rötel quadriert

TIB Slg. Albrecht Haupt, kl. I. Z. M 5:6

Die vorliegende Zeichnung ist in keinem guten Zustand: Flecken, Risse, Löcher und Fehlstellen zeugen von einem ausgiebigen Gebrauch des Blattes – ebenso wie die Quadrierung. Beides weist darauf hin, dass die Zeichnung als Vorlage für eine Übertragung in ein großformatiges Gemälde oder Fresko diente.

Dargestellt ist der Tempelgang Mariens, eine Szene aus der Kindheit der Mutter Jesu: Maria wird im Alter von drei Jahren dem Hohepriester des Tempels von Jerusalem vorgestellt. Begleitet von ihren Eltern Anna und Joachim schreitet sie alleine die Stufen empor, um sich in die Obhut des Geistlichen zu begeben.

Die zentralperspektivisch angelegte Komposition zeigt die Szene in einer tonnenüberwölbten Vorhalle. Von kompositen Säulen getragene Gesimse ziehen den Blick des Betrachters in die Tiefe des Bildraums. Im Vordergrund, unterhalb und zu den Seiten dieses Ausblicks gruppiert sich das Bildpersonal. Auf der linken Seite der Hohepriester, er nimmt Maria in Empfang, die ihm eine lange dünne Kerze darreicht. Auf die laut Überlieferung 15 Stufen, die Maria emporsteigt, wurde verzichtet. Anna und Joachim, die in hohem Alter dargestellt sind, entlassen ihr kleines Mädchen vertrauensvoll und mit demonstrativ ausgebreiteten Armen. Begleitet wird die Szene von Tempeldienern, -besuchern und Händlern, die das Geschehen aufmerksam verfolgen.

Eine ältere Passepartout-Notiz schreibt das Blatt dem italienischen Maler und Druckgraphiker Francesco Mazzola gen. Parmigianino (1503–1540) zu. Hier soll der zwei Generationen jüngere Federico Zuccari (ca. 1540–1609) aus Mittelitalien als Autor vorgeschlagen werden: Strichführung, Bildaufbau, Physiognomien und aus anderen Werken bekannte motivische Details (vgl. die vorbereitenden Zeichnungen und erhaltenen Malereien zur Ausstattung der Cappella Grimani in S. Francesco della Vigna in Venedig, 1566) sprechen für eine Entstehung durch seine Hand in den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts.
br