Digitalisierung und fachliche Erschließung der Graphischen Einzelblätter der Sammlung des Architekten Albrecht Haupt (GESAH)

Technische Informationsbibliothek – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek Hannover (TIB)
Bau- und Stadtbaugeschichte, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, Leibniz Universität Hannover (LUH)

Die "Sammlung Albrecht Haupt" ist eine überregional und international bedeutsame Sondersammlung der TIB. Sie wurde von dem lange Jahre an der damaligen Technischen Hochschule Hannover lehrenden Architekten und Bauforscher Karl Albrecht Haupt (1852–1932) zusammengetragen, der sie noch zu Lebzeiten der Bibliothek der TH Hannover übergab.

Bereits 1941 bewertete die Architekturhistorikerin Lieselotte Vossnack die Sammlung als einen herausragenden Bestand, „[...] vergleichbar lediglich mit der aus öffentlichen Mitteln zustande gekommenen Sammlung der Staatlichen Kunstbibliothek zu Berlin” (heute Kunstbibliothek im Verbund der Staatlichen Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz). Haupt selbst äußerte 1923 den Wunsch „daß die Sammlung durch ein ausführliches, wissenschaftlichen Anforderungen entsprechendes Verzeichnis erschlossen wird und die Kenntnis von ihrem Vorhandensein in weitere Kreise in- und außerhalb Hannovers dringt.“
Dank der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kann diesem Wunsch nun entsprochen werden.

Objekt des Monats

April 2021

Gérard Audran nach Charles Le Brun, Der Sonnenpalast, nach 1661,

Kupferstich und Radierung, 83 cm x 110 cm

 

TIB, Slg. A. Haupt, o. inv. (Mappe „erledigt hist.“)

Unter den ca. 200 großformatigen Graphiken der Sammlung A. Haupt wird eine Reihe prächtiger Kupferstiche aufbewahrt, auf denen imposante Gewölbe- und Wandfresken berühmter italienischer und französischer Paläste festgehalten sind. Unter ihnen findet sich ein von fünf Platten gedrucktes Werk, das Charles Le Bruns (1619–1690) Komposition Der Sonnenpalast zeigt, die von Gerard Audran (1640–1703) gestochen wurde:

Apoll thront vor seinem Palast. Umgeben von den Jahreszeiten, Monaten und Stunden, die von der sich in den Schwanz beißenden Schlange im Jahreskreis verbunden werden, empfängt er das lichtdurchflutete Wappen des französischen Königs. Die Götter des Olymp sind anwesend, Mars und Jupiter krönen das Wappen, Saturn stützt es mit seinem Körper und Aurora dient als Vermittlerin zum Gott des Lichts.

Doch was sich hier als die Glorifizierung des französischen Königs Ludwig XIV. darstellt und sich in dessen im Übermaß zelebrierte Herrschaftsinszenierung als Sonnenkönig einzufügen scheint, war ursprünglich einem anderen zugedacht. Nicolas Fouquet (1615–1680), Surintendant des Finances und einer der mächtigsten Männer im absolutistischen Frankreich vor Herrschaftsantritt Ludwig XIV. beauftragte Charles Le Brun mit der Ausstattung seines Schlosses Vaux-le Vicomte. Für die Ausmalung der gigantischen Kuppel des zentralen Raums, des Grand Salon Ovale, entwarf Le Brun den Sonnenpalast. Erhaltene Zeichnungen im Louvre und zeitgenössischen Beschreibungen der Ikonographie geben Auskunft über die ursprüngliche Konzeption mit dem Eichhörnchen- Wappen Fouquets im Zentrum. Doch das Projekt, das eines der beeindruckendsten Deckenfresken des französischen Barocks hätte werden sollen, wurde nie in Malerei ausgeführt. Bereits kurz nach Übernahme der Regierungsgewalt Ludwigs XIV. im Jahr 1661 wurde Fouquet abgesetzt und verhaftet, die Arbeiten im Schloss kamen zum Erliegen, und die Künstler wurden vom König nach Versailles berufen.

Auch wenn der Abbruch der Arbeiten nicht zu Charles Le Bruns Schaden war – seine erfolgreiche Karriere am Hof Ludwigs XIV. fand hier ihren Anfang – wollte er sein Werk offenbar nicht aufgeben und veranlasste die Ausführung im Kupferstich durch Gérard Audran. Mit einer Widmung und der Änderung des Wappens versehen, diente Le Brun sein Werk dem König wohl auch in der Hoffnung an, sie andernorts, etwa im Louvre, realisieren zu können.

Dazu kam es nicht. Eine digitale Rekonstruktion und Projektion auf Basis der Zeichnungen und der vorliegenden Druckgraphik allerdings ist für dieses Jahr am ursprünglich vorgesehenen Anbringungsort, der ovalen Kuppel in Vaux-le Vicomte, geplant.

br