Projektbeschreibung

Der Sonderbestand der sogenannten historischen Architektennachlässe (Ende 19./Anfang 20. Jh.) kann aufgrund seiner heterogenen Zusammensetzung, aber auch dank seines überschaubaren Umfangs (ca. 3.000 Einzelblätter, ca. 130 Kolleghefte, Dokumente, u.a.) als geeigneter Use Case für den Aufbau einer Erschließungsumgebung dienen, welche auf die digitale Erfassung eines Mixes aus Bestandsarten ausgerichtet ist und in der Folge für größere Bestände nachgenutzt werden kann. 

Beim Aufbau der Erschließungsumgebung werden Entwicklungen aus den DFG-geförderten Projekten GESAH und GESAH+ nachgenutzt und im Zuschnitt auf das neue Material angepasst (Vitro-Software, GESAH Graphic Arts Ontology). 

In Zusammenarbeit mit dem Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin (AMTUB) wird die exemplarische Kontextualisierung ausgewählter Nachlässe – insbesondere der von Carl Schäfer und Paul Kanold, aber auch der Messwarb-Bestand – unter dem Aspekt ihrer sammlungsübergreifenden Verflechtung vorgenommen. Während Schäfer als zentrale Figur in beiden Häusern (TIB und AMTUB) mit komplementären Materialien präsent ist, bietet der Messwarb-Nachlass aufgrund seiner vier Generationen umfassenden Überlieferung ein einzigartiges Fallbeispiel für die genealogische und regionale Verknüpfung architektonischer Ausbildung, Praxis und Dokumentation. 

Durch die Erschließung der Objekte mithilfe von Linked Open Data kann die Auffindbarkeit und Vernetzung der Informationen über die eigene Institution hinweg gelingen und virtuell zusammenführen, was historisch getrennt wurde. Ein Schwerpunkt des Projektes liegt auf der vereinfachten Einbindung existenter Normdaten und Klassifikationen, ein zweiter auf der Neuansetzung der Werknormdaten selbst, insbesondere auf der Integration eines Ansetzungsworkflows in die reguläre Erschließungsarbeit. In beiden Fällen wird die Bereitstellung zur Nachnutzung aus anderen Erschließungsumgebungen angestrebt, weshalb offene Entwicklungsstandards die Kompatibilität und Interoperabilität ermöglichen sollen.


Ziele

Das übergeordnete Ziel des Projektes ist die bessere Vernetzung und Auffindbarkeit verstreuter Nachlässe und Teilnachlässe von Architektinnen und Architekten durch die Schaffung eines geeigneten Erschließungsinstruments mit Workflow zur Erstellung von Bauwerksnormdaten, die als Linked Open Data erstellt und der Öffentlichkeit bereitgestellt werden. Teilziele sind folgende:

1. Digitalisierung der historischen Architektennachlässe entsprechend der DFG-Praxisregeln und Aufnahme in das digitale Langzeitarchiv der TIB

2.a Fachliche Erschließung der historischen Architektennachlässe als Linked Open Data (LOD) mithilfe von Neuansetzung der Bauwerksnormdaten

2.b Historische Einordnung der Nachlässe und exemplarische Aufbereitung zur Erforschung

3. Entwicklung einer LOAC-Erschließungsumgebung für Architekt:innennachlässe unter Nachnutzung des GESAH-Vitro und zur Nachnutzung für größere Bestände unter Einbindung von Lookups und Etablierung eines Workflows zur Ansetzung von Bauwerksnormdaten


Die Sammlung der Historischen Architektennachlässe

Die Vorgängerinstitution der TIB, die Bibliothek der ehemaligen Technischen Hochschule übernahm neben der umfangreichen Sammlung des Architekten, Hochschullehrers und Bauhistorikers Albrecht Haupt (1862–1932) eine Reihe kleinerer Blattsammlungen, die aus den Vor- oder Zwischenkriegsjahren stammen und deren Zeichner zu einem guten Teil zum Mitarbeiter- und Schülerkreis des Conrad Wilhelm Hase (1818–1902) gehörten bzw. als Kollegen von Albrecht Haupt an der Technischen Hochschule unterrichteten. Andere Teilbestände scheinen auf den ersten Blick keine Verbindung zur Hochschule oder nach Hannover zu haben – ihre Provenienzgeschichte ist weitestgehend unerforscht. Der Bestand der sogenannten historischen Architektennachlässe – in Abgrenzung zu den jüngeren oder zeitgenössischen Nach- und Vorlässen – umfasst ca. 3.000 Objekte. Er setzt sich in der Hauptsache aus Zeichnungen, Entwürfen, Plänen, Pausen und wenigen Drucken zusammen. Hinzu kommen Publikationsprojekte, die teils lose, teils gebunden, teils handschriftlich und teils als Typoskript vorliegen, sowie ca. 130 Skizzenbücher und Kolleghefte mit Vorlesungsmitschriften, die die Lehrtätigkeit oder das Studium der Architekten an verschiedenen Technischen Hochschulen dokumentieren.

Liste der Nachlässe:

Otto Clingestein (1873–?)

Christian Eichwede (1853–1936)

Eduard Karl Ferdinand Eichwede (1878–1909)

Gustav Friedrich Halmhuber (1862–1936)

Paul Georg Kanold (1874–1946), Franz Lüderitz (1890–?)

Christian Messwarb (1770–1851)

Ernst Messwarb (1808–1873)

Christian Messwarb (?-?)

Wilhelm Messwarb (1839–1920)

Ernst Messwarb (1873–1960)

Wilhelm Alfred Sasse (1870–1937)

Carl Wilhelm Ernst Schäfer (1844–1908)

August Tiede (1834–1911)

Carl Maria August Werner Weber (1870–1915)

Rudolf Weber (?-?)


Linked Open Data

Der Bestand der historischen Architektennachlässe der TIB umfasst keine vollständigen Hinterlassenschaften der jeweiligen Baumeister. Wie so oft wurden die Materialien verstreut und sind auf unterschiedlichen Wegen in unterschiedliche Sammlungen und Archive gekommen. Die Heterogenität der Bestände erschwert ihre Inventarisierung und somit auch das Auffinden zusammengehöriger Konvolute, insbesondere bei weniger bekannten Namen. Die Vernetzung der Sammlungen untereinander kann eine Lösung sein. Für eine sinnvolle Verknüpfung mit bzw. als Linked Open Data müssen standardisierte Daten genutzt und wenn nicht vorhanden, erstellt werden, denn nur über solche “Knotenpunkte”, d.h. nur über eine gemeinsame Terminologie und vor allem über Personen- und Werknormdaten, die allen zur Verfügung stehen, lassen sich dauerhafte Verbindungen herstellen.

Zwei Desideraten, die eine Anwendung von LOD im Kontext von Sammlungserschließung bislang erschwerten, möchte das LOAC-Projekt Rechnung tragen:

A) die vereinfachte Einbindung existenter Normdaten und Klassifikationen in die eigene Erschließungsumgebung, wobei das Ziel der komfortablen Integration von Lookup-Funktionen je nach Ressource individuelle Lösungen erfordert, 

B) die Integration eines Workflows zur Ansetzung von Bauwerksnormdaten in die reguläre Erschließungsarbeit.